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Datum: 31.12.2005 -  Anlass:  Altjahrsabend - TextLukas 22,32 (Jahrslosung 2005), 2.Mose 13,21-22 (Predigttext Reihe 4)

Liebe Gemeinde,

am Jahresende blicken wir zurück, auf das, was geschehen ist, und wir versuchen voraus zu blicken, auf das was uns erwartet.

Was hat uns das Jahr 2005 nach Christi Geburt gebracht, welche Wünsche haben sich erfüllt, welche Befürchtungen haben sich bewahrheitet.

Eine lange Reihe von Jahresrückblicken, flattern uns in diesen Tagen durch Zeitungen ins Haus, oder führen uns im Fernsehen das Jahr 2005 wieder vor Augen. Und wenn wir uns darauf einlassen, dann geht es uns, so wie in vielen Jahren. Wir lesen von Katastrophen und sehen Bilder des Schreckens.

Die Flutkatastrophe in Südostasien, vom zweiten Weihnachtstag 2004 hat die ersten Tage und Wochen des zu Ende gehenden Jahres bestimmt. Die Gewalten des Wassers, stellen den Menschen in Frage: Haben wir alles im Griff, wie wir meinen? Oder ist es nur eine Frage, wie man es richtig macht? Hätten Frühwarnsysteme die Katastrophe verhindern können?

Doch selbst die Supermacht USA kann die Wassermassen nicht bändigen, als sie im August die Stadt New Orleans überfluten. Doch auch hier erheben sich Stimmen, die sich nicht damit begnügen, vor der Kraft der Natur zu kapitulieren. Man fragt, ob hier nicht die sozial Schwachen stärker betroffen wahren, als die besser Situierten. Hat man die Wohngebiete der Armen schlechter geschützt, als die der Reichen?

Naturkatastrophe oder soziales Unheil, diese Frage beschäftigt die Menschen im Jahr 2005. Immer wieder erlebt man, wie die Hilfsbereitschaft die Menschen, über soziale und nationale Grenzen hinweg zusammenschweißt. Beim großen Erdbeben in Kaschmir, im umstrittenen Gebiet zwischen Indien und Pakistan, kommt es sogar zu offiziellen Kontakten, der verfeindeten Regierungen.

Doch es gibt Katastrophen, die haben mit der Natur nun wirklich nichts zu tun. In den Vorstädten von Paris entlädt sich die soziale Unzufriedenheit durch Brandstiftungen, jeden Tag gehen Autos in Flammen auf. Verurteilenswerte Straftaten, ganz sicher, aber wie kann man den Menschen, die das tun, eine Perspektive geben?

Die Nachrichtenlage ändert sich schnell, eine Katastrophe jagt die andere, ob naturbedingt oder hausgemacht, ob Vogelgrippe, oder Gammelfleischskandal, die Schlagzeilen sind immer voll. Beruhigende Nachrichten sind selten, und wenn man sie sieht, dann fragt man sich, ob sie für eine wirkliche Beruhigung überhaupt taugen. So ging es mir bei dieser Nachricht, die ich vor einpaar Tagen las: „In der Weihnachtsnacht sind in Frankreich nach Polizeiangaben 110 Autos angezündet worden. Dies seien etwas weniger Brandstiftungen gewesen als in früheren Jahren." (WR Nr. 300, 27.12.2005, S. RPL3_ dpa)

Brände bedrohen auch in Deutschland Menschenleben, und gerade am vergangenen Weihnachtsfest mussten viele Menschen darunter leiden. Doch wirklich gute Nachrichten finden wir oft nur unter der Überschrift „Glück im Unglück". So hieß ist in der gleichen nachweihnachtlichen Zeitung, dass ein Hund im Münsterland durch sein Bellen die Feuerwehr alarmiert hat, und somit viele Menschen vor Verletzungen bewahrt hat.

Gute Nachrichten sind selten heutzutage.

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, so sagt eine alte Journalistenweisheit. Ist es also alles nur eine Frage der richtigen Sichtweise? Der Prediger hat eine andere Aufgabe als der Redakteur. Von der Kanzel wird die „Gute Nachricht verkündigt". Doch sie schafft es nicht bis auf die Titelseite der Zeitung, wo nur die schlechte Nachricht für hohe Auflagen sorgt.

Doch im Jahr 2005 mag das ein bisschen anders gewesen sein. „So viel Kirche war nie!", könnte man in Abwandlung eines Spruches aus der Politik dieses Jahres sagen.

„So viel Kirche war nie!", die Öffentlichkeit nimmt Abschied vom schwer kranken Oberhaupt der katholischen Kirche, die Wahl seines Nachfolgers wird ebenso zum Medienspektakel und gipfelt in der umstrittenen Schlagzeile: „Wir sind Papst!"

Sind wir das? Eher nicht. Anlässlich des Weltjugendtages in Köln zu dem der Bischof von Rom Millionen eingeladen hatte, kommt es zu Nickeligkeiten um die rechtzeitige Einladung, des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Die Millionen auf dem Marienfeld bei Köln lassen die Hunderttausende vergessen, die sich zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover trafen.

Ein Kardinal ist gekränkt, weil wir nach seiner Meinung, die katholischen Christen zu intensiv zum Abendmahl in der evangelischen Kirche einladen. Ein angesehener Professor der evangelischen Theologie in Heidelberg verunsichert die Fachwelt, weil er verlauten lässt, er sei nie aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Mit den Kirchensteuern evangelisch, aber im Herzen katholisch, geht so was? Könnte das ein Weg zur Ökumene sein?

Ein anderer Gratwanderer zwischen den Konfessionen wird gewaltsam während eines Gottesdienstes ermordet. Roger Schutz, der spiritus rector der Gemeinschaft von Taizee war für viele eine Autorität auf dem Weg der Einheit der Christenheit. Spekulationen über seine wahre Konfessionszugehörigkeit angesichts seiner Teilnahme am katholischen Abendmahl, bei der Abschiedsmesse des verstorbenen Papstes erschienen da kleinlich. Eine Hoffnung vieler Christen wurde mit ihm begraben.

Doch es gibt noch Hoffnungszeichen. Die Eröffnung der Dresdner Frauenkirche gehört für viele dazu. Ein Projekt ohne Gleichen. Auf private Initiative hin wird die Ruine des zweiten Weltkrieges in aller Pracht wieder errichtet. Die offizielle Kirche hat das Vorhaben am Anfang nicht geliebt. Doch die Menschen strömen in diese Kirche. Legen sie damit ein Zeugnis ihres Glaubens ab, oder zeigen sie nur Überlebenswillen und Schaffenskraft? Und wenn, kann man diese Eigenschaften überhaupt gegeneinander ausspielen? Was auffällt ist dies: In einer Zeit, in der in der Kirche allerorten von Gebäudeschließungen gesprochen wird, eröffnet man hier ein weltweit beachtetes Kirchengebäude, und unterstreicht den Eindruck des Jahres 2005: „So viel Kirche war nie!"

Ach übrigens: Dieser aus der Politik entliehene Spruch, mit dem das etwas rötlichere Farbenspektrum des Koalitionsvertrages beschrieben wurde, soll reichen, um uns die politischen Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres ins Gedächtnis zu rufen. Die bisherigen Gegner sitzen an einem Tisch, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, möge es ihnen gelingen.

Was war nun das Jahr 2005 ein Katastrophenjahr, ein Kirchenjahr, ein politisches Jahr?

Man könnte fast vom Glauben abfallen, angesichts der Ereignisse des vergangenen Jahres.

Ja, man könnte fast vom Glauben abfallen. Doch dass wir hier wieder sitzen, ist in Zeichen der Hoffnung, ein Zeichen, dass ein Fünkchen Glauben noch da ist, und bei vielen natürlich mehr als, dies, ein Zeichen, dass das Fundament des Glaubens fest gegründet ist.

Erinnern Sie sich noch an den Anfang dieses Jahres? Viele haben sich da aus der Jahreslosung Trost geholt:

Jesus Christus spricht: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Lukas 22,32

Dieser Spruch macht uns Mut. Er hat uns getragen im letzten Jahr, und er kann uns heute am Ausklang des Jahres des Herrn 2005, auch Mut machen. Die Wahrheit des Glaubens zeigt sich nicht daran, dass sich keine Unglücke ereignen, die Wahrheit des Glaubens zeigt sich nicht daran, dass es keine innerkirchlichen Auseinandersetzungen um den richtigen Weg gibt. Sondern die Wahrheit des Glaubens zeigt sich daran, dass ich trotz allem daran fest halte. Und sie zeigt sich daran, dass ich weiß, dass der Glaube nicht alleine meine Willensleistung ist, sondern dass es des Gebetes bedarf. Der Glaube wird mir geschenkt. Jesus selbst schenkt ihn und gibt mir damit die Kraft.

Dies sind nun nicht einfach weltfremde, fromme Sprüche, die einfach so zum Durchhalten dahergesagt werden. Jesus kannte die Prinzipien der Welt sehr genau.

Und er sprach dieses Wort in eine Situation hinein, die uns durchaus bekannt vorkommen könnte.

Nachdem die Jünger mit Jesus am Gründonnerstag das letzte Abendmahl gefeiert hatten, kündigte er ihnen an, dass er verraten würde:

21 Doch siehe, die Hand meines Verräters ist mit mir am Tisch. 22 Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird! 23 Und sie fingen an, untereinander zu fragen, wer es wohl wäre unter ihnen, der das tun würde.

Bis hier hin verhalten sich die Jünger durch aus, wie wir es uns auch heute selbst zutrauen würden. Man diskutiert halt, wer könnte es sein? Er, oder er, wer steht auf der Liste der potentiellen Verräter? Doch wenn man so ins Diskutieren kommt, dann kommt man schnall auf andere Themen:

24 Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle.

Aha, schon ist man wieder bei sehr menschlichen Themen. Nicht, „Wer ist der Verräter?", sondern, „Wer ist der Größte unter uns?". Und irgendwie möchten wir ja alle zu den Größten gehören. Wie hätte es sonst vor kommen können, dass heutzutage auch eingefleischte Protestanten heimlich doch ein bisschen stolz sind auf die Worte „Wir sind Papst!"

Ja, man möchte gerne der Größte sein, jedenfalls nicht zu den Schlimmsten gehören.

Man hätte nun annehmen können, dass Jesus der Kragen platzt, angesichts des Unsinns, der nun in der für ihn wichtigsten und gefährlichsten Zeit geredet wird. Doch Jesus zeigt sich einfühlsam, und er ist geduldig. Er kennt die Menschen, und er kennt vor allem die, die sich für die Größten halten:

25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen.

Ja, als Wohltäter und Katastrophenhelfer, lassen sich auch heute noch unsere Herrscher gerne darstellen. Die Spielregeln haben sich über die Jahrtausende wohl nicht geändert. Ob wirklich Hilfsbereitschaft, oder eher Machterhaltung dahinter steckt vermag man nur schwer zu beurteilen.

Aber Herrscher und Machthaber sind ja keine besondere Art von Menschen, sie alle waren mal Menschen wie du und ich. Besteht also die Gefahr, dass wir alle so werden, oberflächlich und nur darauf aus, die Position zu erhalten, die uns zugefallen ist, oder die wir uns erkämpft haben?

26 Jesus sagt: Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener.

Jesus holt die Jünger wieder auf den Teppich. Es geht nicht um die eigene Größe, es geht nicht darum, selbst die beste Position zu haben, es geht darum, bei dem zubleiben, was man einmal für richtig erkannt hat. Es geht darum menschlich zu bleiben. Er sagt: 28 Ihr aber seid's, die ihr ausgeharrt habt bei mir in meinen Anfechtungen.

Auch Jesus selbst hatte also Anfechtungen, und hat manchmal gezweifelt, so wie wir auch manchmal zweifeln, wenn wir uns die Ereignisse des vergangenen Jahres vor Augen halten. Aber es geht um das Aushalten dieser Zweifel, es geht darum, durch die Zweifel hindurch stark zu werden.

Doch das ist nicht leicht. Besonders einer war nicht immer so stark wie er gedacht hatte. Simon Petrus, der Wortführer der Jünger war nicht immer der Fels, in der Brandung, als der er oft erschien. Jesus sagt zu ihm:

31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.

Ohne das Gebet Jesu wären wir nur auf unsere eigene Kraft angewiesen, und wir wissen selbst, wie oft uns die im Stich lässt. Jesus hat für Petrus gebetet, obwohl er wusste, dass der sich wenig später nicht mehr öffentlich an ihn erinnern will. Dessen eigene Schwachheit trieb im später die Tränen in die Augen, als das Krähen des Hahns ihn in die Wirklichkeit zurückholte.

Aber später wird er sich daran erinnert haben, dass Jesus ihn nicht aufgab, dass er Hoffnung und Kraft in seine Zukunft investierte, zu einer Zeit, in der es ihm niemand übel genommen hätte, wenn er auch einmal an sich gedacht hätte.

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Mit diesem Wort, das auch Petrus einst hörte, sind viele Christen in das neue Jahr gegangen. Manche haben es sich zwischendurch in Erinnerung gerufen, und dadurch Kraft gewonnen, mancher mag es auch wieder vergessen haben, und hat angesichts der Katastrophen und Auseinandersetzungen gefragt, „Wo ist Gott? Warum greift er nicht ein?"

Er war dabei, in jedem Augenblick! Er hat mit jedem ertrunkenen Menschen mitgelitten, und ist mit jedem Opfer von Gewalt gemeinsam durch den Tod gegangen, so wie er den Tod am Kreuz erlitten hat.

Und uns, die wir gemütlich im Trockenen saßen, stolz waren, auf Positionen, die wir selber gar nicht hatten, die wir uns mit anderen Christen um den rechten Weg stritten, wie die Jünger damals um den Platz des Größten, uns hat er besonders im Auge gehabt, er hat uns behütet und bewahrt im ausgehenden Jahr. Er hat für uns gebetet, dass wir unseren Glauben bewahren, und so wieder heute hier sitzen, um uns von ihm stärken zulassen.

Und das ist die Gute Nachricht beim Rückblick auf das Vergangene Jahr. Gott ist bei uns, er verlässt uns nicht.

Am Übergang zum neuen Jahr, wollen wir uns versichern, dass Gott uns weiterhin begleitet, wir bitten, ihn von Herzen das Schlimmste zu verhüten, und wünschen allen Menschen auf der Welt ein langes und unfallfreies Leben.

Und wem es bei diesem Übergang ins neue Jahr nicht ganz wohl ist, wer bei diesem Übergang leichte Angst verspürt, dem sei gesagt, was den Israeliten bei ihrem entbehrungsreichen Gang durch die Wüste half. Es half ihnen, dass Gott ein Zeichen setzte Tag und Nacht. (2.Mose 13,21-22)

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Solch ein vertrauensvolles Zeichen müssen wir heutzutage suchen. Wir sehen es nicht so leicht wie die Wolken am Tag und das Feuer in der Nacht. Aber wir dürfen nicht aufgeben zu suchen.

Wir müssen aktiv werden und selbst etwas tun. Wir können uns zwar nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, aber wir können zum Beispiel zwischen all den schlechten Nachrichten, die uns auch im Jahr 2006 wieder erreichen werden, versuchen gute Nachrichten zu finden. Und wenn sie auch noch so wenig Platz in der Zeitung einnehmen, und manchmal gar nicht dort stehen, wir können versuchen sie zu finden.

Und wir können versuchen, die eine gute Nachricht wiederzuentdecken: Das Evangelium!

Gottes gute Nachricht. Er geht mit uns unseren Weg. Wir sehen ihn nicht immer, manchmal verschließen wir auch die Augen, aber er ist mit seinem Gebet bei uns, so wie er es auch im vergangenen Jahr war.

Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15)

Ich wünsche Ihnen von Herzen ein Frohes und gesegnetes Jahr 2006. Amen.

Lieder:

473,1-4 - 59,1-6652,1-2+5-6 221,1-3

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