© Pfarrer Michael Nitzke, Evangelische Kirchengemeinde Kirchhörde - Startseite - Predigt-Auswahlseite - e-mail
Datum: 22.2.004 - Anlass: Estomihi - Text:
1. Kor. 13,1-13 Liebe
Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag Estomihi steht im 1.
Korinther-Brief im 13 Kapitel, die Verse 1-13, das ganze Kapitel. Der Name des Sonntags „Estomihi" leitet sich von dem alten
lateinischen Anfangs des Psalmverses für diesen Sonntag ab: „Sei mir ein starker Fels und eine Burg, daß du mir helfest,
in lateinischer Sprache." 1. Korinther 13, Das Hohelied der Liebe Der Apostel Paulus schreibt: 13 1 Wenn ich mit Menschen- und mit
Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder
eine klingende Schelle.2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und
wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich
Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.3
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen,
und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.4 Die Liebe ist
langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht
Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,5 sie verhält sich nicht
ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet
das Böse nicht zu,6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit,
sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt
alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 8 Die Liebe hört niemals
auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören
wird und die Erkenntnis aufhören wird.9 Denn unser Wissen ist
Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.10 Wenn aber
kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.11 Als
ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war
klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.12
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu
Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich
erkannt bin.13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Herr, unser Gott, öffne dein Wort für uns und öffne uns für
dein Wort. Liebe Gemeinde, dieses ganze 13. Kapitel im 1. Korinther-Brief ist sicherlich
nicht allen komplett bekannt. Aber ich behaupte einmal, daß jeder der hier
sitzt, dieses oder jenes aus diesem Kapitel schon einmal gehört hat. Ein
bekannter Text und ein bekanntes Thema, die Liebe. Über die Liebe spricht Paulus. Die Liebe ist für ihn
das große Thema. Daher nennt man auch diesen Abschnitt aus dem 1.
Korintherbrief, das „Hohelied der Liebe". Und so können wir bei diesem Hohenlied
der Liebe auch Anklänge an einen anderen biblischen Text feststellen. Dieses
Hohelied der Liebe des Paulus erinnert uns an das Hohelied Salomos, denn auch
dieses hat ja die Liebe zum Thema. Diese Anknüpfung funktioniert sicherlich
zunächst über die Überschrift, die uns eine Brücke baut. Allerdings sind diese
Überschriften später in die Bibeltexte eingetragen worden, um sie zu gliedern.
Im Hohenlied Salomos geht es um die Liebe zwischen Mann und
Frau. Ich möchte einen Auszug aus diesem Hohenlied Salomos einmal verlesen,
damit sich auch einen Vergleich bekommen. Dort heißt es im 4. Kapitel: 4 1 Siehe, meine Freundin, du bist schön!
Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier.
Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead.2
Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme kommen;
alle haben sie Zwillinge, und keines unter ihnen ist unfruchtbar.3
Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich.
Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel.4
Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde
hangen, lauter Schilde der Starken.5 Deine beiden Brüste sind wie
junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden.6 Bis der
Tag kühl wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und
zum Weihrauchhügel.7 Du bist wunderbar schön, meine Freundin, und
kein Makel ist an dir. Man könnte diese Worte in etwas anderer Sprache, oder
Formulierung heute noch in einen Liebesbrief schreiben. Einen Brief, den man
einem geliebten Menschen schreibt, der Liebe seines Lebens. Die Liebe zwischen Mann und Frau wird in diesen schönen
Worten des Hohenlieds Salomos geschildert und doch ist dies immer als Bild, als
Vergleich verstanden worden. Ein Bild für die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen,
den Menschen. Später sah man darin auch ein Bild für die Liebe Jesu Christi zu
seinem Leib, dem Leib Christi, seiner Gemeinde, und damit auch ein Bild für die
Kirche. Vielleicht hat man gedacht, daß diese Worte, diese intimsten
und geheimsten Worte, das Verhältnis von Gott zu den Menschen am besten
beschrieben können und das solche innigen Ausdrücke besonders dieses innige
Verhältnis abbilden können. Im Hohenlied der Liebe des Apostels Paulus ist jedoch die
Sprache eine andere. Es wird nicht die Sprache der Liebe zwischen Mann und Frau
gewählt, um etwas anderes auszudrücken, sondern es wird die Liebe beschrieben,
mit ihren verschiedenen Eigenschaften, wie wir sie in unserem täglichen Leben
erkennen können. Im Hohenlied des Paulus geht es also eher um die Liebe als
Grundvoraussetzung für das Menschsein. Ganz praktische Anweisungen gibt er hier.
Aber man muss sie übersetzen, denn wer versteht heute noch:
„die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht
auf." Man muss diese Worte, die noch etwas aus altertümlicher Sprache stammen,
für in unser eigenes Leben übertragen. Es heißt dann vielleicht, „die Liebe
fragt nach dem anderen Menschen. Sie spielt sich nicht auf, sie bläht sich nicht
auf. Sie macht mit dem anderen nicht, was sie will, sondern setzt sich für den
anderen ein." Sicherlich haben manche von ihnen solch einen Vers aus diesem
Hohenlied schon einmal gehört. Vielleicht haben Sie erlebt, wie er zu einem Vers
zum Leben wurde. Vielleicht haben einige von Ihnen selbst einen dieser Verse als
Trauspruch oder als Konfirmationsspruch bekommen oder haben ihn schon einmal
gehört, als Sie auf dem Friedhof waren, um einen lieben Menschen zu
verabschieden, denn diese Worte, sind Worte fürs Leben und fürs Sterben.
„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber
die Liebe ist die Größte unter ihnen." Dies ist sicherlich der
bekannteste Vers, aber sowie dieses Bibelstück nicht einfach ein Liebesbrief
ist, wie es das Hohelied Salomos in manchen Teilen sein könnte, so ist dieses
Abschnitt auch nicht unbedingt ein Steinbruch, aus dem man nur Verse fürs Leben
herausschlagen könnte. Ein konkreter Anlaß lag vor, dass Paulus diese lange und
schöne Abhandlung schrieb, von der wir heute gerne für unser Leben etwas
mitnehmen. Anlass war das damalige Problem der Zungenrede. Ein Problem,
was uns heute kaum noch etwas sagt. Sie kennen sicher die Geschichte vom Pfingstereignis, wie
alle Menschen in anderen Zungen, d.h. in anderen Sprachen redeten, aber dennoch
konnte jeder sie verstehen, weil der Heilige Geist dafür sorgte. Dieses
Pfingstereignis muss auf die Menschen in Korinth solch einen großen Eindruck
gemacht haben, dass auch sie in anderen Zungen reden wollten, wenn sie über das
Wort Gottes redeten. Nur, dass sie vielleicht dieser anderen Sprachen gar nicht
mächtig waren und dass ein anderer es beim besten Willen auch nicht verstehen
konnte. Sie aber dachten, sie wären vom Heiligen Geist bewegt und könnten etwas
von diesem Geist in unverständlicher Sprache reden. Diese Frage spricht Paulus
an, und er gibt ihnen ganz praktische Hinweise: „Wenn ihr schon unbedingt in
Zungen reden müsst, die keiner versteht, dann, doch bitte erstmal nicht alle
durcheinander. Vielleicht nur zwei oder drei in einem Gottesdienst, und auch
schön nacheinander. Und dann erklärt ihr den Menschen, was ihr damit eigentlich
sagen wolltet. Übersetzt euch also selbst, damit die anderen es auch verstehen.
Und neben diesem praktischen Hinweis gab Paulus noch einen Weiteren." So leitet er dieses Kapitel ein, mit den Worten, ich
will euch noch einen weiteren Weg zeigen. Einen Weg der Liebe. Das heißt
dann doch, wenn ich die anderen Menschen liebe, dann mute ich ihnen auch nicht
zu, daß sie unverständliche Worte hören, die sie nicht verstehen können. Sondern
dann bemühe ich mich um sie, erkläre ihnen, was ich meine und setze mich nicht
aufs hohe Ross und sage: „Na wenn du meine fremden Zungen nicht verstehst,
dann wird es wohl an dir liegen, oder an der Tatsache das der Heilige Geist dich
verlassen hat." Wer so dachte damals, ging nicht den Weg der Liebe. Den Weg
der Liebe geht derjenige, der sich für andere einsetzt. Der sich nicht
aufspielt, der nicht mit den anderen macht was er will, sondern sich aufopfert
und auch somit manches erträgt, wie es in diesem Kapitel steht. Es kommt also auf die Liebe an: im Umgang der Menschen
untereinander, im Umgang der Christen in der Gemeinde, damals in Korinth. Und da sagt Paulus: Liebe ist das Größte. Liebe ist sogar
mehr als alle Erkenntnis und alles Wissen über den Glauben und sogar mehr als
der Glaube selbst. Mehr als Wissen über den Glauben und mehr als dieser Glaube
selbst. Im Konfirmandenunterricht, wird bei uns noch immer etwas
auswendig gelernt. Am Freitag haben die jungen Menschen auch in einer Prüfung
bewiesen, dass sie sich gut vorbereitet haben. Aber sie haben es auch verstanden
über diesen Glauben zu sprechen. Und wenn sie für sich diesen Glauben im Herzen
angenommen haben, dann werden die auswendig gelernten Worte zu einem lebendigen
Zeugnis. Und Paulus sagt hier sogar noch mehr. Wenn einer das alles
kann und dann noch allen Glauben hat, so dass er Berge versetzen könnte, wie es
im Evangelium steht, und er hätte dann keine Liebe, dann wäre ihm das überhaupt
nichts nütze. Liebe ist bei im sogar mehr wert als der Glaube. Aber wie
kann dass sein, wo wir doch in den Heilungsgeschichten hören, dass allein der
Glaube so wichtig ist. Wenn Jesus Menschen gesund gemacht hat, dann hat er das
nicht mit irgendeinem Zauber, sondern getan, sondern er hat nur den Glauben der
Menschen erkannt und herausgestellt. Dein Glaube hat dir geholfen. So heißt es
in vielen Wundergeschichten. Der Glaube. Aber wir hören hier, der Glaube ist nicht alles.
Die Liebe gehört dazu. Liebe ist die Grundlage unseres Lebens. Manche Menschen, so hört man, würden aus Liebe alles tun. So
liest man es in Romanen, oder sieht es in Filmen. Dort würden manche Menschen
aus Liebe sogar Böses tun. „Ja, ich habe diesen Menschen geliebt und liebe ihn,
dafür habe ich dann das und das getan." Aber ist das richtig verstandene Liebe? Wenn der Filmheld
sich vor dem Richter verantworten muss, was wird er dann sagen. Kann er die
Liebe als Ausrede oder Alibi für sein Tun heranziehen? Sicher nicht. Dann wäre
auch das falsch verstanden, was Paulus hier beschreibt. Die Liebe die Paulus hier schildert, ist nicht allein die
Liebe zwischen zwei Menschen, die sie zu allerhand unvernünftigen Handlungen
führen kann. Liebe ist mehr. Nicht nur zwischen Mann und Frau gibt es besondere
Bande. Sondern dieses besondere Band muß zwischen allen Menschen gewebt sein,
wie ein Netz was alle die daran teilhaben miteinander verbindet. Wenn ich also
einen Menschen über alles liebe, wie man so oft sagt, und dadurch das Wohl der
anderen Menschen mir gleichgültig geworden ist, dann hätte ich etwas völlig
falsch verstanden. Liebe hat alle Menschen im Blick. Aber Liebe ist auch
noch mehr, als sich nur für alle Menschen einzusetzen. Wenn ich alle Menschen wirklich im Blick hätte, mich für sie
einsetze, alle bedürftigen Menschen Almosen gäbe, für alle Menschen soziales
Engagement zeigte und das alles nur täte, weil es meine Pflicht wäre, dann hätte
es keinen Sinn. Wenn ich diese Menschen nicht wahrhaft lieben würde und ihr Wohl
und Wehe mir nicht am Herzen liegen würde, dann wäre ich auch nichts nütze. Wenn ich mit so und so vielen Daueraufträge von meinem Konto
regelmäßig etwas spenden würde, und würde die Menschen nicht wirklich lieben,
denen durch mein Geld geholfen wird, dann wäre es auch nichts nütze, wie Paulus
schreibt. Alles und nichts, das sind die Worte mit denen
Paulus die Liebe beschreibt. Alles oder Nichts, wir kennen diesen Gegensatz und
diese Worte sind bewusst gewählt in diesem Hohenlied der Liebe. Zweimal heißt es
am Anfang, es wäre mir nichts nütze, wenn das und das fehlte. Und viermal,
doppeltsovielmal also, heißt es am Ende, dass die Liebe alles erträgt und
erduldet. Dass sie alles, überschaut. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie
hofft alles, sie duldet alles. Paulus redet in Extremen: „Die Liebe duldet alles?" Manche Menschen sagen: „Das geht doch nicht. Man kann nicht
alles erdulden." Vielleicht sind das auch die Menschen, die Jesus Christus nicht
verstehen, der ja wahrhaftig in seinem Leben alles erduldet hat, der sogar bis
zum Tode am Kreuz gegangen ist. Wie steht es heutzutage um Menschen, die alles erdulden
müssen. Gibt es nicht auch mal einen Punkt an dem man sagen muß, „Jetzt reicht
es aber! Jetzt hast du genug erduldet!" Manche Ehepartner erdulden soviel, daß
Außenstehende mit gutem Grund raten können: „Jetzt ist es genug! Mehr
kannst du nicht aushalten." Aber wir erleben doch, daß viele diese Ehepartner doch sagen:
„Es ist noch nicht genug. Ich mache noch einen Versuch!" Wie man dann in solch einer Situation reagiert kann nicht
hier pauschal gesagt werden. Auch dafür braucht es Liebe, Verständnis für den
anderen, Einfühlungsvermögen und eben Liebe. Wir erleben auch wie in Familien oft auch Eltern leiden und
erdulden, was ihre Kinder alles tun, das nicht richtig ist. Kinder, die auf den
Weg der Drogen gekommen sind. Familien, die aber dennoch nicht von diesen
Kindern ablassen, sich für sie einsetzen, deren Liebe niemals aufhört. Und das
ist ja auch ein Vers aus diesem Hohenlied der Liebe. Die Liebe hört
niemals auf. Was bedeutet dieser Spruch? Auch dieses Bibelwort wird oft
als Trauspruch bei kirchlichen Hochzeiten gewünscht. Und wir fragen uns
manchmal, wie stimmt das denn überein mit dem, was wir ja sehen, wenn wir mit
offenen Augen durchs Leben gehen. Gibt es nicht doch eine Menge Partnerschaften
und Ehen in denen die Liebe aufgehört hat. Aber, vielleicht müssen wir es so sehen: Die
Liebe hört niemals auf. Dieser Vers ist kein Garantieschein, sondern um
im Bild zu bleiben, eher eine Gebrauchsanweisung. Wenn ich einfach nur sage, „Ja
die Liebe hört niemals auf", dann werde ich vielleicht doch Situationen erleben,
wo es an Liebe mangelt. Wenn ich aber weiß, die Liebe hört niemals auf und sehe
das als Aufgabe, an der ich arbeiten muss und auch selbst meinen Teil zu
beitragen muss, dass sie nicht aufhört, dann ist das ein Weg den ich beschreiten
kann. Dann wird dieser Vers, die Liebe hört niemals auf, eine
Verheißung. Aber dieser Vers heißt bei Paulus noch mehr. Er ist nicht nur
eine Gebrauchsanweisung für das partnerschaftliche und eheliche Leben, sondern
eine Zustandsbeschreibung für das Glaubensleben der Christen. Es steht noch ein anderer beruhigender Satz hier: Unser
Wissen ist Stückwerk. Wir können nicht alles über Gott erkennen und
nicht jetzt schon alles über sein Reich sagen. Wir ahnen etwas, wir haben etwas
gelernt, aber das ist nicht alles. Doch dieses Stückwerk wird sich irgendwann einmal zu einem
Ganzen zusammenfügen, doch bis es einmal so weit ist, ist immer noch die Liebe
da. Wissen, Erkenntnis und Geschicklichkeit, all das ist
unvollkommen und vergeht einmal im Reich der Vollkommenheit Gottes. Aber die
Liebe wird ewig bleiben. Wir haben sie jetzt schon und sie bleibt ewig bestehen. Paulus macht das deutlich, wenn er hier den Vergleich von
Kindsein und Erwachsensein anspricht. Als ich ein Kind war, redete ich wie
ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich aber ein
Mann wurde, tat ich ab was kindlich war. Auch dies müssen wir versuchen zu verstehen. Hat Jesus nicht gerade gesagt, „wenn ihr nicht werdet wir
die Kinder, werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen." Aber hören wir genau hin! Jesus sagt es den Menschen so: „Ihr
müsst euch die Einfältigkeit und das natürliche Vertrauen der Kinder bewahren.
Ihr müßt nicht euch selbst über alles setzen, wie es Erwachsene gewohnt sind.
Ihr bewahrt euch eure Kindlichkeit." Dagegen spricht auch Paulus nicht. Er beschreibt nur das
Kindsein und Erwachsensein in einem Bild. Und er sagt, kindliches Verstehen ist
doch irgendwo noch Stückwerk. Und er sagt, dieses Stückwerk fällt von einem
Erwachsenen irgendwann ab. Und dann hat er in verschiedenen Bereichen seines
Lebens eine so große Erfahrung, dass man nicht mehr von Stückwerk redet, sondern
von guter Kenntnis. Paulus sieht unser ganzes Glaubensleben als eine einzige
Kindheit an. Das ganze Glaubensleben von der Geburt und Taufe bis zu dem
Zeitpunkt, an dem wir vor Gott unserem Richter und Fürsprecher stehen, all das
sieht er als Kindheit an. Und erst dann wenn wir unser Leben vollendet haben, sind wir
bildlich gesprochen Erwachsene. Diese Kindheit ist das Stückwerk, der Versuch der Erkenntnis
fällt von uns ab, aber die Liebe die bleibt, die wird verstärkt. Wer in seinem
Leben meint, alles zu kennen, kann schnell lieblos werden. Erst die
Vollkommenheit des Reiches Gottes macht uns erwachsen. Und hier benutzt er das schöne Bild vom Spiegel. Er hat einen
altertümlichen Spiegel vor Augen, in dem man damals noch nicht alles erkennen
konnte. Vielleicht war es als wenn wir heute in eine dunkle Glasscheibe schauen.
12
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Paulus will hier keine Konkurrenz zwischen Glauben, Hoffnung und Liebe aufbauen. Aber wir können heute vielleicht mit Worten aus unserer Zeit verstehen, was er gemeint hat.
Die Liebe ist nicht alles, aber ohne Liebe ist alles nichts. Amen.
© Pfarrer Michael Nitzke, Evangelische Kirchengemeinde Kirchhörde - Startseite - Predigt-Auswahlseite - e-mail