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Evangelische Kirchengemeinde Kirchhörde

Konfirmationspredigt

Sonntag Jubilate, den 14. Mai 2000

16 Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. 17 Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Korinther 4)

Liebe Gemeinde, liebe Familien der Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Mädchen und Jungen!

Eben haben wir vor der Kirche noch das offizielle Konfirmationsfoto aufgenommen. Wenn ich euch jetzt das Bild zeigen würde, das wir am Anfang des Unterrichtes vor dem Gemeindehaus geknipst haben, dann wäre das Gelächter hier groß. So ist das mit Fotos, die etwas älter sind. Der Mensch verändert sich sehr schnell. Man selbst nimmt diese Veränderung dann erst wahr, wenn man so ein Bild sieht, das schon etwas älter ist.

Und diese Veränderung läßt uns nicht kalt. Entweder lachen wir darüber, wie kindlich wir früher waren, oder, wer schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat, ist traurig darüber, daß hier und da ein Falte mehr zu sehen ist, oder der Rettungsring um den Bauch herum wieder etwas größer geworden ist.

Mag sein, daß sich auch mancher gar nicht mit solchen Äußerlichkeiten abgibt, aber der Apostel Paulus, der den Brief an die Korinther geschrieben hat, mit dem wir uns heute befassen, hält uns diesen äußerlichen Wandel vor Augen.

Ja, er sagt sogar, daß der Mensch dem äußeren Eindruck nach zerfällt.

Jetzt mögt ihr sagen, "Was geht uns das an? Bis wir soweit sind, daß wir äußerlich zerfallen, dauert es bestimmt noch so siebzig bis achtzig Jahre!"

Gut, daß Jugendliche so unbekümmert sind. Aber die Augen werden euch aufgehen, wenn euch euer Biologielehrer dann irgendwann mal sagt, daß der Mensch ab dem 23. Lebensjahr systematisch abbaut und anfängt zu altern. Der jeweilige Stand der Wissenschaft mag diesen Zeitpunkt ein paar Jahre vor- oder zurückdatieren, aber Fakt ist: es geht viel schneller mit uns bergab, als wir denken.

Jetzt freut ihr euch noch, am Geburtstag ein Jahr älter zu werden, damit ihr in die Disco könnt oder mal den Führerschein machen dürft. Aber wartet ab, spätestens, wenn der 29. Geburtstag zum dritten Mal gefeiert wird, werdet ihr wissen, was ich meine.

Dabei will ich euch gar keine Angst machen. Im Gegenteil. "Konfirmation", das heißt "bestärken" und nicht "verunsichern".

Und bestärken kann uns die Tatsache, daß trotz des ganzen Abwärtstrend des Körpers, der innerliche Mensch täglich erneuert wird.

So schreibt es jedenfalls Paulus! Und er hat recht. Unser Innerstes, unser Geist, kann lernen bis ins höchste Alter, er kann neueste Sachverhalte aufnehmen, wenn man denn auch geistig im Training bleibt.

Andererseits,.... wenn ich mal morgens meinen Schlüsselbund nicht wiederfinde, denke ich, daß auch der geistige Verfall manchmal recht früh einsetzen kann.

Aber auch darum geht es eigentlich nicht allein. Paulus ist kein Gedächtnistrainer, der den Intelligenzquotienten des Menschen in die Höhe treiben will.

Paulus will deutlich machen, daß es einen Unterschied gibt, zwischen dem, was ich sehe und jemandem klar und deutlich vor Augen führen kann, und dem was ich nicht sehe, und auch niemandem beweisen kann.

Der äußerliche Mensch zerfällt, aber der innere wird erneuert.

Es gibt etwas zwischen Himmel und Erde, das sich nicht mit irdischen Maßstäben messen lasen kann, wie die sportliche Fitness oder die Gedächtnisleistung.

Darum macht Paulus bewußt einen Unterschied zwischen sichtbarem und unsichtbarem.

Doch wir modernen Menschen fragen uns gleich, gibt es überhaupt etwas unsichtbares?

Sicherlich kommt jetzt manchem der alte Menschheitstraum in den Sinn, sich selbst für eine bestimmte Zeit unsichtbar machen zu können. Vielleicht möchte man jemandem einen Streich spielen, oder bei der Klassenarbeit nicht beim Abschreiben erwischt werden. Aber das geht nun mal nicht, allenfalls im Traum oder in Geschichten und Filmen.

Doch es gibt wirklich Dinge, die wir nicht sehen können. Das einfachste Beispiel ist sicherlich der Wind. Ja, ich sehe seine Wirkungen, wenn er ein Segelschiff antreibt, oder im Herbst die Blätter von den Bäumen bläst, aber sehen kann ich ihn nicht. Und wenn er durch einen Staubwolke bläst, dann sehe ich auch nur die aufgewirbelten Staubkörner und nicht den Wind selbst. Denn der ist eine Kraft, die entsteht, wenn unterschiedliche Wetterlagen zusammen kommen. Ich kann ihn spüren, aber nicht sehen.

Von daher ist es leicht verständlich, daß es in den Sprachen der Bibel, sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen, für den Geist gar kein anderes Wort gibt als für den Wind.

Wir erkennen das heute noch an dem Spruch aus der Bibel: "Der Geist Gottes weht, wo er will!" Unmöglich, hier die ganze Doppeldeutigkeit des Wortes hier mit zu übersetzen.

Es gibt also unsichtbares, das doch da ist. Am schönsten ist das erklärt in dem alten Kirchen- und Kinderlied "Der Mond ist aufgegangen". Da heißt es in der dritten Strophe: Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Was ist dagegen das Sichtbare?

Schönheit vergeht, genauso, wie Erfolg. Geld verliert seinen Wert und auch das ganz fest gebaute Haus überdauert nur schwer die Jahrhunderte.

Es zählen die unsichtbaren Dinge, wie Freundschaft, Liebe, Verläßlichkeit, Vertrauen.

Doch auch Freundschaft kann vergehen und Liebe kann erkalten, obwohl sie unsichtbar sind.

Aber es gibt noch etwas unsichtbares, das außerhalb von uns existiert, aber für uns da ist, und beständig und unvergänglich ist.

Und das ist Gottes unsichtbare Wirklichkeit, die genau so da ist wie die andere Hälfte des Mondes, oder der Wind, der weht, den wir aber doch nicht sehen.

Die Bibel geht damit auch ganz offen um: Im ersten Johannesbrief heißt es: "Niemand hat Gott jemals gesehen."

Und dennoch weiß Johannes, daß er da ist, denn das wird deutlich, wenn Christen einander mit Liebe begegnen, anständig miteinander umgehen und danach fragen, was der andere braucht, um dann für ihn da zu sein.

Und was Paulus den Korinthern eigentlich sagen will, ist daß es noch etwas unsichtbares gibt, das dennoch wirklich ist: Das ewige Leben.

Dieser unsichtbare Gott schenkt uns einen unsichtbaren Platz in seiner unsichtbaren Welt. Und dennoch ist er real, wirklich. Denn der Glaube daran wirkt in den Menschen fort seit über 2000 Jahren.

Es sieht aus, als sei es viel verlangt von jungen Menschen, darauf zu vertrauen. Zumal ihr jetzt doch erst einmal halbwegs auf das irdische Leben vorbereitet seid.

Aber das ist es, worauf es ankommt: über das hinaus, was ich sehe, eine Hoffnung zu haben, damit ich mich nicht allein daran binde, was ich sehe, und mich nicht davon abhängig mache, wie ich von anderen gesehen werde.

Vom Glauben konnte ich in den fast zwei Jahren nur erzählen und berichten. Glauben müßt ihr selber. Und ihr tut es für euch. Denn dieser Glaube bleibt bestehen, auch wenn gar nichts anderes mehr zählt.

Und so heißt es auch, daß man zu seinem Glauben steht.

An einem Festtag geht das leicht. Wenn alle das Bekenntnis sprechen, fällt es ja nicht so auf. Aber es kann auch andere Situationen geben. Zeiten, in denen dieser Glaube das Leben auch erschweren kann. Wenn man dafür ausgelacht oder verspottet wird. Wenn man dafür äußerliche Nachteile in Kauf nehmen muß. Und das ist genau das, was Paulus mit Trübsal meint.

Doch das alles vergeht, selbst eine gekränkte Ehre! Was bleibt, ist, daß ihr euch zu diesem Glauben haltet und dazu auch steht.

Nicht nur hier in der Kirche, sondern auch sonst in eurem Leben. Damit ihr etwas Ewiges habt, das nicht vergeht.

So wünsche ich euch nun, daß ihr in eurem Leben versucht das Unsichtbare nicht zu übersehen, und daß ihr an dem unfaßbaren Geist Gottes immer festhaltet.

Amen.

Pfarrer Michael Nitzke

Hinten: Christian Habersang, Sascha Hildebrandt, Pascal Kohlmeier, Dominic Bortz, Matthias Balke, Marcel Kubatta.
Vorne: Pfarrer Nitzke, Solvejg Nitzke, Linda Meyerhoff, Anna Roman, Sonja Thielker, Leonie Prigge, Carolin Spönemann, Bastian Schmitz, Christina Zobel, Laura Stracke, Pfarrer Fischer.