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Datum: 12.5.2002 - Anlass: Exaudi - Text: Römer 8,26-30
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.
Liebe Gemeinde!
Nach nun fast 5 Wochen Trubel in der Kirche wird es nun wieder etwas ruhiger, und wir sind quasi wieder unter uns. Drei Konfirmationen eingekleidet durch zwei Familiengottesdienste und einen Freiluft-Gottesdienst im Rombergpark. Alles schöne und wichtige Gelegenheiten. Und das Schöne daran, man weiß immer etwas zu sagen und findet leicht die passenden Worte. Den glücklichen Eltern, die beim Familiengottesdienst ihre Kinder zur Taufe bringen, sagt man gerne etwas, dass sie zum Danken bringt für das Wunder eines neuen Menschenkindes, was da geboren ist. Bei den Jugendlichen, die da auf einmal in so fremden Anzügen sitzen, sucht man gerne Worte, die sie aufmuntern. Man knüpft an Erfahrungen des Unterrichtes an, oder macht Anleihen aus der Jugendkultur. Beim Himmelfahrtsgottesdienst, der mit Pfarrerinnen und Mitarbeitern aus fünf bis sechs Gemeinden vorbereitet wurde, versucht man dann symboldidaktisch den richtigen Part auszufüllen, der einem zugedacht ist. Kurz und knapp soll es sein aber dennoch nachdenklich.
Doch nun, wieder unter uns? Ohne konkreten Anlass, einfach ein Sonntag vor Pfingsten, mitten im Kirchenjahr?
Da spricht doch einem der Predigttext, der kompliziert genug zu sein scheint an einer Stelle deutlich aus der Seele. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen. Man könnte ihn auch ein wenig umschreiben und sagen, wir wissen nicht, was wir predigen sollen.
Nicht, dass ein ausgebildeter Theologe nicht zu jedem Text etwas sagen könnte, aber was sind die Worte, die jetzt im Augenblick treffen, und in die Situation passen, wie das freundliche Wort bei der Taufe, das humorvolle bei der Konfirmation, oder das nachdenkliche beim Gottesdienst im Rombergpark.
Nun heute ist Muttertag, da sollte einem doch was einfallen. Doch es liegt mir fern diesen Tag, der einst aus niederträchtigen politischen Gründen so hochgehalten wurde und nun der Festtag der Blumen-, Parfüm- und Pralinenindustrie ist, nun zu einem kirchlichen Feiertag hochzustilisieren. Da reicht der Kommentar, den ein liebes Gemeindeglied zu ihren Kindern gesagt hat, „Denkt einfach jeden tag ist Muttertag, dann bin ich schon zufrieden!"
Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen.
Manchmal verschlägt es einem wirklich die Sprache. Vor allem dann, wenn man zwischen dem Trubel der verschiedenen Festgesellschaften einmal einen Blick in die Zeitung wirft oder die Nachrichten einschaltet. Da sind vor allen Dingen zwei Pole, zwischen denen sich das öffentliche Interesse zurzeit bewegt. Der eine ist die Gewaltbereitschaft die immer mehr zunimmt. Mit Gewalt wollen Menschen ihre Gefühle zum Ausdruck bringen, oder ihre Politischen Ziele erreichen.
Der andere Pol ist Begeisterungsfähigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen für die angeblich schönste Nebensache der Welt, den Fußball.
Zwischen beiden Polen gibt es Berührungspunkte, und das Ganze hat natürlich auch Bedeutung für unsere Existenz als Menschen christlichen Glaubens.
Fangen wir mit dem vermeintlich leichteren an, dem Fußball.
Eine ganze Stadt freut sich. Dortmund ist Meister. Fußball scheint zurzeit das einzige zu sein, was in dieser Stadt gelingt. Wir hören Nachrichten von schließenden Kaufhäusern und Betrieben, aber wenigstens im Fußball klappt’s. Nun, auch Borussia ist ein Wirtschaftsunternehmen, dem man als aufmerksamer Bürger der Stadt wie allen anderen Unternehmen nur Erfolg wünschen kann.
Aber so eine Meisterschaft ist mehr als ein erreichtes Unternehmensziel. Solch ein Ereignis setzt Gefühle frei. Und es sind Gefühle, die der Religion nicht fremd sind.
Auch ich habe mich am Himmelfahrtsnachmittag in das Getümmel der Stadt begeben, um den Meister zu sehen. Auch einem Pastor muss das erlaubt sein, und ich war nicht der einzige, sah hier und da einen Amtsbruder mit Frau und Kindern auf das Ereignis harren.
Während auf dem Rund des Borsigplatzes die sozialen Schranken fallen und Menschen jeder Herkunft in schwarzgelber Einheitsfarbe gekleidet, friedlich bei einander stehen und singen, erwartet man von ferne die Mannschaft. Spieler, Trainer, Präsident und Zeugwart man will sie alle sehen. Das Volk drängt zum Wagen lässt sich nur durch die macht von schweren Polizeimotorrädern und imposanten Polizeipferden zurückdrängen. Und dann ist der Wagen da. Und man skandiert die Gesänge, versucht die Idole zu berühren und einen Blick auf das Objekt der Begierde zu werfen, die Schale. Mitgerissen vom Begeisterungsjubel, werde ich auf einmal nachdenklich. So ähnlich muss es auch bei Jesu Einzug in Jerusalem gewesen sein. Das Volk steht Spalier und schreit. Huldigt dem der da einzieht. Der schwarz-gelbe Schal wird fast anbetend in die Höhe gehalten. Wenn das jetzt Palmzweige wären, dann wäre die Szene perfekt. Und auf einmal kann man die blutflüssige Frau verstehen, die auch nur einmal das Gewand Jesu berühren wollte, und sich davon etwas versprach. Ja, wir wollen die Schale sehen, und sie auch anfassen. Letzteres ist mir persönlich nicht gelungen. Und man hört es wieder: „Wir woll’n den Meister sehen!"
Meister! Nannte man ihn nicht auch so. Der reiche Jüngling sagte zu ihm: Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? Und so viele andere sprachen ihn so an: Meister!
Und mein Blick schweift weiter, und auf einmal meine ich einen alten Bekannten zu sehen: Zachäus heißt er, denn er sitzt auf einem Baum. Hängt an der knorrigen Weide des altehrwürdigen Borsigplatzes, und streckt seine Hand aus. Und ihm gelingt das gleiche wie dem biblischen Zachäus, er erweckt das Interesse des Meisters: Alle schlagen Sie in seine Hand ein, Koller, Amoroso, und Jürgen Kohler, der Fußballgott.
Und dieses Wort bleibt einem Pastor doch fast im Halse stecken. Aber wer diesen Meister sehen will, der kann es nicht, ohne die Gesänge zu hören, immer wieder „Fußballgott".
Religiös anmutende Verhaltensweisen konzentrieren sich auf einen Mann. Das Volk ist davon nicht abzubringen. Gäbe es keine anderen Titel?
Und wieder die Nachdenklichkeit: Eigentlich doch ganz gut, dass er die Rote Karte kassiert hat, für einen entscheidenden Fehler. Er hat es nämlich mit den Worten quittiert: „Jetzt habe ich keine weiße Weste mehr!" Er ist also Mensch, wie du und ich, keiner, der keine Fehler macht.
Eigentlich hätte auch was anderes kommen könne, denke ich. Was folgte auf die Hosianna-Rufe beim Einzug nach Jerusalem, natürlich die Rufe „Kreuige ihn" als Pilatus auf dem Balkon seines Herrschaftspalastes dem Gefangenen Jesus die Freiheit bot. Doch dieser Ruf erfolgt hier nicht. Da haben 2000 Jahre Christentum doch Spuren hinterlassen, man hebt nicht jemanden in den Himmel und stürzt in dann in die Hölle. Man ist ja auch inzwischen auf dem Friedensplatz angelangt, und macht diesem Platz alle Ehre. Die Polizei ist voll des Lobes, vor der Disziplin der Anhänger des Meisters.
Hunderttausend Menschen feiern in Frieden. So kann es gehen, aber oft gibt es immer einen, der diesen Frieden nicht teilt.
Einsame Menschen sind das, die in Ihrem Zimmer den Plan aushecken, mit Gewalt von Waffen sich einen Namen zu machen. Und das sind dann die Ereignisse, die wirklich sprachlos machen. Der Amokläufer von Erfurt, der Politmörder von Hilversum, der Selbstmordattentäter in Israel, der ungläubig auf den Roboter schaut, der ihn als Sicherheitsrisiko untersucht.
Was bringt Menschen dazu anderen soviel Gewalt anzutun? Haben wir unsere Freiheit überzogen? Muss es mehr Zensur geben, in allen Arten von Medien, muss das Volljährigkeitsalter wieder hochgesetzt werden?
Menschen scheinen manchmal fremdbestimmt zu handeln. Die einen verfallen als Masse in vorgeprägte Verhaltensweisen, die es schon vor zweitausend Jahren gab. Sie heben einzelne Personen in den Himmel, ohne zu sehen, dass es einfach nur Leute sind deren besondere Fähigkeiten, auf einem Gebiet, dass für andere nur Hobby ist, ihnen einen unendlichen sozialen Aufstieg ermöglicht haben.
Sie ragen aus der Masse heraus, können aber ohne diese Masse nicht existieren.
Andere scheinbar wollen auch aus der Masse herausragen, aber nicht durch jahrelanges hartes Training, sondern durch eine Gewalttat, die sie mit einem Schlag berühmt macht, auch wenn sie diese selbst nicht überleben. Da scheint der Glaube an eine Wirklichkeit nach dem Tod noch vorzuherrschen, dessen Mangel wir in der Kirche sonst beklagen. Aber so haben wir uns das nicht vorgestellt.
Da gibt es Menschen die begeistern sich für Todesdarstellungen in Spiel und Film, und überschreiten die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, und machen das Unwirkliche wahr und damit das gottgeschenkte Leben vieler zunichte, und dazu noch das Vertrauen aller in die Mitmenschen.
Da mag ein Mann in Holland vielleicht gehört haben, wie sie die Franzosen schalten, die angeblich zu faul waren, zur Wahl zu gehen, um zu verhindern dass da ein Menschenfeind auf dem zweiten Wahlzettel verbleibt. Und vielleicht hat dieser Mann in Holland gedacht, bevor in meinem Land so was passiert handle ich lieber selbst.
Wir wissen nicht, was wir dazu sagen sollen. Handeln Menschen fremdbestimmt? Fühlen sie sich von der öffentlichen Meinung getrieben, wie der Attentäter von Hilversum? Fühlen sie sich von blutrünstigen Spielen getrieben, wie der Amokläufer von Erfurt. Lassen sie sich nur allzu gern in eine schreiende Masse einordnen, wie die Meisteranhänger in Dortmund? Nicht auszudenken, wenn jemand die Begeisterungsfähigkeit der Masse in Menschenfeindlichkeit umlenken könnte.
Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Da sagt der heutige Bibeltext und er spricht uns aus dem Herzen. Aber er macht uns auch Mut. Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Es ist keine Ideallösung die hier geboten wird. Es wird nicht alles auf einen Schlag besser durch den Glauben. Aber der Heilige Geist ist auf unserer Seite. Er vertritt uns mit Seufzen, leidet mit uns.
Doch der Text beinhaltet auch harte Nüsse. Da ist von Vorherbestimmung und Berufung die Rede. Sind das nicht auch Worte, die manche missverstehen könnten. Ich habe als Kind auch immer gedacht, wenn ich böse bin, kann ich nichts dafür, der liebe Gott hat ja alles vorherbestimmt.
Doch so einfach ist es sicher nicht gemeint. Paulus sagt hier: die, die Gott berufen hat, die lässt er auch nicht hängen, er hilft ihnen der Berufung gemäß zuleben, damit sie die richtigen Worte zur rechten Zeit finden. Nicht alles was ein Mensch macht, ist vorherbestimmt. Aber der Mensch ist vorherbestimmt zum Guten, und er muss nach Wegen suchen, dieses Gute zu realisieren, und dabei hilft im Gott in Gestalt des heiligen Geistes.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Das ist ein Trostwort aus dem Text. Es macht uns Mut, auch wenn Verzweiflung herrscht. Gottes Wort gibt uns Kraft auch wenn uns die Worte fehlen.
Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Wir wissen aber zu wem wir beten können. Nicht zu selbstgemachten Göttern, sondern zu dem Gott, der uns zu seinen Geschöpfen bestimmt hat und uns als seine Kinder erwählt hat. Er lässt uns nicht allein. Aber wir müssen versuchen, seine Stimme zu hören, zwischen all denn lauten Stimmen, die uns heute entgegenschallen. Wir müssen versuchen seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Dass wir das Potential dazu haben, sehen wir immer bei den so beliebten Massenaufmärschen der modernen vermeintlichen Götter.
Darum müssen wir Mut haben und nicht verzweifeln, auch wenn uns manchmal danach ist. Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf, so heißt es am Anfang des Textes. Wir wollen uns stärken lassen von diesen Worten. Amen.
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